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Nachwehen der Vergangenheit- FotoDoks

Das Hier und Jetzt festhalten, die Wirklichkeit abbilden. Das verspricht man sich von Dokumentarfotografie. Meistens thematisiert sie die Härte des Lebens und setzt sich damit kritisch auseinander. In den letzten Jahren hat sich in München das Ausstellungsformat FotoDoks zu diesem Thema etabliert. Organisiert und durchgeführt wird FotoDoks von vier Fotografen und einer Kuratorin, die das Festival jedes Jahr aufs Neue mit viel Enthusiasmus, Idealismus und Zeitaufwand zu einem besonderen und anregenden Ereignis im Fotofestivalkalender gestalten möchten. Dieser Termin darf auf meinem Blog natürlich nicht fehlen!

Die dokumentarischen Positionen der diesjährigen Ausstellung setzen sich in vielfältiger Weise mit dem Thema „Past is Now“ auseinander: Sie arbeiten mit bestehenden Archiven oder lassen neue entstehen; sie gehen auf historische Spurensuche und reflektieren kulturelle Stereotype und musikalische Mythen; sie blicken zurück auf 25 Jahre deutsche Wiedervereinigung sowie auf 20 Jahre Dayton- Friedensabkommen, das den Krieg in Bosnien und Herzegowina beendete.
Die ausstellenden Fotografen kommen vor allem aus Bosnien und Herzegowina, Kroatien, dem Kosovo, Mazedonien, Montenegro, Serbien and Slowenien und zeigen ihren ganz eigenen Blick auf die Heimat. Auf dem Blog habe ich heute für euch exklusiv schon einen ersten Einblick:

Roman Bezjak_Sozialistische Moderne-Archaeologie einer Zeit_St.Petersburg_2009
Roman Bezjak, „Sozialistische Moderne – Archäologie einer Zeit”, St. Petersburg, 2009, © Roman Bezjak

Roman Bezjak (*1962, SLO/DE)

Wenn Grenzen verschoben werden oder ein Land, wie im Falle des ehemaligen Jugoslawiens, ganz von der Landkarte verschwindet, sind es oft nur die Gebäude, Denkmäler und Architekturen, die an die vergangene Zeit erinnern. Der Fotograf Roman Bezjak war über fünf Jahre immer wieder in Ost- und Südosteuropa sowie im Osten Deutschlands unterwegs, um öffentliche Zweckbauten, Kulturpaläste, Hotels und Wohnanlagen zu dokumentieren. Die Nachkriegsarchitektur verkörpert nicht nur die einstigen Ideale und Utopien der postsozialistischen Staaten, sondern ruft mitunter auch negative Erinnerung an das überwundene kommunistische System hervor.

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Tom Licht, „Vater, Sohn und der Krieg, Hotel in Minsk (Weißrussland), km 1480”, 20.09.2013, © Tom Licht

Tom Licht (*1972, DE/CH)

Gemeinsam mit seinem Vater bricht der Fotograf Tom Licht 2013 auf eine Reise durch Polen, die Ukraine, Belarus und Russland auf, um den Ort zu finden, an dem 72 Jahre zuvor sein damals 35-jähriger Großvater bei einem Angriff auf ein russisches Dorf im Krieg gefallen war. Auf den Spuren eines Mannes, den sie beide nie persönlich kennengelernt haben, werden sie nicht nur mit den kaum verheilten Narben des Zweiten Weltkrieges, sondern auch mit den eigenen, bis dato unausgesprochenen seelischen Wunden konfrontiert.

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© Tanja Kernweiss

Tanja Kernweiss (*1981, DE)

Anfang der 1990er Jahre, während die Sowjetunion zerfällt, der erste Irakkrieg entbrennt und mit dem Zerfall in Jugoslawien auch in Europa wieder Krieg herrscht, vertont eine Band aus der amerikanischen Provinz die Gefühlslage der Jugend: Die Songs von Nirvana, die von Verletzung, Verwirrung und der Suche nach Liebe und Anerkennung handeln, berühren damals wie heute. Zwanzig Jahre nach dem Selbstmord des Sängers Kurt Cobain spürt die Fotografin Tanja Kernweiss dem Mythos um die Band nach und besucht die Orte des Erinnerns und Trauerns, die über die Jahre mit Symbolik und Energie angereichert wurden.

Die Festival findet vom 13.-18. Oktober statt, die Ausstellung im Münchner Stadtmuseum geht bis zum 10. Januar 2016.
Übrigens: Vor und während des Fotodoks Festivals finden verschiedene Workshops für professionelle Fotografen und fotografiebegeisterte Amateure statt. In allen Workshops sind noch Plätze frei!

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